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verichtet. Lässt er ihn doch in Ungarn geboren sein. Die nächste mir bekannte
Biographie (mit Ausnahme der Manderschen N otizen) ist ungefähr um 1600 geschrieben,
wenigstens stammt eine erhaltene Abschrift aus dieser Zeit. Aus ihr geht hervor,
dass die Sage sich völlig der Person Dürers bemächtigt hat, von einer „Forschung“
ist nicht die Rede. Die Forschung erwachte aber mit dem gesteigerten Interesse
an der Person und den Werken des Künstlers in der ersten Hälfte des 17. Jahr-
hunderts und scheint besonders von dem. Maler Hauer gefördert zu sein, deı
wahrscheinlich eine in vielen Exemplaren in N ürnberg noch heute existierende Dürer-
Biographie verfasste, welche Sandrart stellenweise wörtlich übernahm. Wie die
erwähnte ältere Lebensbeschreibung beweist, ist mit mündlicher Tradition nicht zu
rechnen. Hauer führt auch seine Gewährsmänner sämtlich auf: Dr. Christoph Scheurl,
Henricus Pantaleon, Erasmus von Rotterdam, Brief Georg Hartmanns an Herrn
Büchler (gemeint ist Pirkheimers Brief an Tscherte). Dazu kommt die Familien-
Chronik. Die venezianischen Briefe und das Tagebuch der Reise in die Nieder-
ande scheint Hauer bei Abfassung der Lebensbeschreibung noch nicht gelesen zu
naben. Wenn daher Hauer sagt: „(Dürer ist) 1490 nach Ostern hinweggezogen,
Teutsch- und Niederlandt ziemblich durchreiset, hat auch zu Venedig
schöne Stuck gemalt, ist also vier Jahr gewandert und ausgeblieben und
wieder anhero gen Nürnberg zu seinen Eltern kommen,“ so darf man aus diesen
Worten keineswegs Kapital für die erste venezianische Reise schlagen wollen. Aus seinen
Quellen wusste Hauer, dass Dürer in den Niederlanden und in Venedig gewesen war,
die Familienchronik erzählt nur von einer Reise, und es ist selbstverständlich, dass
der Biograph dieser den venezianischen und niederländischen Aufenthalt zuteilte.
Das Germanische Nationalmuseum bewahrt eine Handschrift — Entwürfe
und Zeichnungen zur Unterweisung der Messung und zur Proportionslehre ent-
haltend — und eine Abschrift der Gedichte Dürers auf. Erstere gehört dem Paul
Wolfgang Merkelschen Familienstifte zu und ist ein kleiner Teil der Entwürfe,
welche sich auf der Stadtbibliothek befinden. von Murr schenkte sie Roth, und
dieser Colmar. Die Abschrift der Gedichte, die einzige bekannte, befand sich im
Nachlasse des bekannten Germanisten und II. Direktors des Germanischen National-
Museums, Dr. Carl Frommann. Dieser hat sie vermutlich von einem Mitgliede deı
Familie Merkel erworben, und er scheint eine Publikation vorbereitet zu haben.
Die Abschrift bietet 225 neue, bisher unbekannte Verse Dürers. von Murr erwähnt
(Journal VII), dass er eine Anzahl Dürerscher Reime fortgelassen habe, weil sie zu
schlecht seien. Damit hat er die Wahrheit nicht gesagt, denn die von ihm ver-
5ffentlichten Reime sind keineswegs hervortretend gegen die übrigen. Manche hat
er ausgelassen, weil sie ihm zu derb waren. Was aber der Grund gewesen ist,
dass er die Gedichte auf S. Barbara, S. Katharina, S. Martin, mehrere auf die Mutter
Gottes und auf Christus nicht veröffentlichte? Fürchtete er, dass auf Grund dieser
Verse hin Dürer von den Katholiken reklamiert werden würde? Die Gedichte
ind zwar vor der Reformation, bereits 1510, verfasst, aber gleichwohl halte ich
einen solchen Grund nicht für ausgeschlossen. Ganz unklar aber bleibt, weshalb
er das lange, für die Gesinnung Dürers charakteristische Gedicht „Von der bösen
Welt“ nicht zum Abdruck gebracht hat.
Ob ein Teil der Gedichte, besonders die auf die Heiligen, im ideellen
Zusammenhange steht mit Kunstwerken Dürers, mag dahin gestellt bleiben.